Viel Lärm um viel Lärm

Kaum vorstellbar, wie die Popwelt vor Lady Gaga war. Madonna und Marilyn Manson waren die letzten polarisierenden Kunstfiguren und Pink galt schon als rebellisch wenn sie Hotpants trug. Doch ausgerechnet in der Zeit, in der „Authentizität“ das höchste aller Prinzipien ist, ist die berühmteste und vielleicht erfolgreichste Sängerin der Welt eine reine Kunstfigur. Oder um es mit einem schlechten Wortspiel zu sagen: Kaum jemand weiß, was hinter Lady Gagas „Poker Face“ gerade Sache ist.

Was auch daran liegt, dass der Werberummel um sie vieles verdeckt. Auf die Spitze getrieben wurden die Marketing-Strategien beim neuen Album „Born This Way“: Ein Song nach dem anderen tauchte mehr oder minder zufällig im Netz auf, mit „Born This Way”1 und „Judas“ gab’s gleich zwei offizielle Singles und sogar das beliebte Facebook-Spiel FarmVille stand eine Woche lang ganz im Zeichen der Gaga: Wer silberne Eiskristalle und ähnlichen Unfug pflanzte, durfte schonmal ein bisschen reinhören in das neue Werk.

Wenn man das gesamte Album einfach so vor sich hat, dauert es nur zehn Sekunden, bis man einen der stärksten Songs auf „Born This Way“ entdeckt. Denn schon der Songtitel fällt auf: „Scheiße“. Angeblich geschrieben nach eine Club-Besuch in Berlin. Wer auch immer gerne Deutsch-Nachhilfe gibt: Die Gaga könnte sie gebrauchen… Aber: „Scheiße“ ist das absolut nicht. Sondern einer von nur ein paar Songs, die etwas mutiger sind. Vom billigen 1,2,3,4-Gestampfe der bisherigen Singles gibt’s nämlich schon genug auf „Born This Way“. Und dazu kommt dann noch eine gewisse Rock-Attitüde. So mancher Song könnte auch von Bon Jovi sein (nicht als Kompliment zu verstehen), vor allem „Yoü And I“ ist gruselig schlecht.

Auf dem letzten Lady Gaga-Album ging’s textlich vor allem um Verführung, Flirten und Sex. Diesmal hat sich Madame gedacht, uns Geschichten aus ihrem Leben zu singen. Ihre Mutter hat sie ermutigt, ganz natürlich und selbstbewusst zu sein. („Born This Way“). Nur um das nächste Mal über die Frisur so zu schimpfen, dass Lady Gaga fragen muss: „Wieso darf ich nicht sein wie ich bin?“ („Hair“). Und angeblich ging Gagas Rebellion so weit, dass sich die Eltern ihretwegen scheiden ließen. („Bad Kids“). Wenn ich also einen Wunsch frei hätte, liebe Lady Gaga: Das nächste Mal lieber wieder über Sex texten.

„Born This Way“ schwankt zwischen Genie und belanglosem Mist. Was vor allem deshalb ärgerlich ist, weil Lady Gaga es besser kann. Ob man sie nun mag oder nicht: Die Frau schreibt ihre Songs ja maßgeblich selbst und hat ein Gespür für Ohrwürmer. Und schafft es, in 20 Zeilen Text über Homosexualität, Einwanderungsprobleme, Ablehnung der Schwulen-Ehe durch Staat und Kirche und unerfüllte Liebe zu singen. Da bräuchte Xavier Naidoo drei Doppelalben für.

Lady Gaga reicht ein Song: „Americano“. Und so sehr man dieses Lied  von Herzen hassen kann: Ohrwurm ist noch das falsche Wort dafür. Spanisch-mexikanische Gitarren mit Disco-Beats, schräger Gesang mit fettem Bass. Wie gesagt: Man kann diesen Song von Herzen hassen. Aber nach vier Minuten singt ihr alle innerlich „Americano“. Wetten, dass?

  1. Wer keine furchbaren Youtube-Versionen ertragen möchte: Das Album kann man jederzeit kostenlos hören bei simfy.de. Für diesen Satz bekomme ich weder Geld noch Ehr, unterstütze aber gerne diese sympathische Musikplattform.

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4 Kommentare zu “Viel Lärm um viel Lärm

  1. Weil Du Madonna nennst: in demn Stuttgarter Nachrichten gibt’s heute ein Interview mit einer Kulturwissenschaftlerin, die sich mit Madonna und Lady Gaga befasst (wie objektiv sie bei ihren Vergleichen ist, weiß ich nicht).

    “Was hat Lady Gaga, das Madonna nicht hat?

    Na ja, eigentlich sehe ich überall nur Madonna-Zitate. Wie Madonna tanzt Lady Gaga auf Männern herum, liebt Rollenspiele und Verkleidungen, versucht mit christlicher Symbolik zu provozieren. [...] Provokant ist das alles aber nicht wirklich. Was Madonna gemacht hat, war Avantgarde, was Lady Gaga macht, ist Mainstream. Bei ihr gibt es nichts Unverständliches, alle Zeichen sind leicht zu deuten.”

  2. @Heinzkamke: Danke für den Bug-Hinweis, ich schau mal, was sich da machen lässt mit einem update… Zum Madonna-Lady Gaga-Vergleich: Dazu gibt es viel zu sagen. Vielleicht mache ich das in einem anderen Post mal. Denn das die Gaga die neue Madonna ist, wage ich doch heftig zu bezweifeln…

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