Der Mann am Katzentisch plärrt zu spät

Als Annika durch’s Fernsehbild lief und Zettel verteilte, war das Konzept offensichtlich und endgültig gescheitert. Denn Annika ist Internet-Ausdruckerin, mutmaßlich mit unbezahlter Praktikumsstelle bei Sport1. Annika druckt das Internet aber nicht für den Eigenbedarf. Nein, sie sorgte dafür, dass “Dienstag live” sich mal wieder ein wenig um das drehte, was eigentlich das Thema des Abends war: Die Champions League.

England gegen Deutschland war das Überthema. Chelsea gegen Leverkusen, Arsenal bei Dortmund.

Konsequent, dass die zwei Experten der Sendung, Christian Ziege und Thomas Strunz, mit ihrem Gastgeber und Ex-Bayern-Kollegen Thomas Helmer ein wenig über die Europameisterschaft 1996 philosophierten. War ja in England. Aber auch Ausflüge nach Portugal gab’s, zu den Sprüchen von Otto Rehhagel im Europapokal. Gesprochen wurde auch über Zinedine Zidane, gegen den die drei im Uefa-Cup-Finale 1996 spielten, da war er ja Spielmacher von Girondons Bordeaux. Und und und. Ein Haufen Anekdoten, manchmal sogar ziemlich launisch.

Ab und zu nur unterbrochen vom Katzentisch. Dort stand Thomas Herrmann, “Sport1-Chefreporter”, mit einem albernen, übergroßen, silberfarbenen Plastikkopfhörer und Laptop vor sich. Auf dem Laptop sah man bei den Kamerafahrten nie Bewegtbild-Ähnliches und der Kopfhörer war viel zu laut eingestellt. Zumindest schrie mich Herrmann immer entsetzlich an, sobald er sich einmischte.

Was nicht oft vorkam. Denn es ging hier nur um die deutschen Spiele und vor allem auch fast nur um die Tore. Und auch da nahm man’s nicht allzu genau. Der Spox-Ticker vor mir kannte das 1:0 von Chelsea gegen Leverkusen schon fast 12 Minuten bevor bei Sport1 ein furchtbar billiger englischer Kommentatorenjubel eingespielt wurde und zum Thema wurde, was anscheinend gerade eben erst passiert ist: ein Tor.

Da kann man Toni, einen x-beliebigen BVB-Fan und Stadiongänger dann eben auch mit den Experten im Studio gleichstellen, so wie es der Reporter vor Ort tut. In Dortmund gab’s übrigens sogar eine Kamera.

Ein ziemlich schräge Sendung. Amüsant, wenn man nur mal kurz reinzappt aber nichts Halbes und nichts Ganzes: Zu wenig alkoholgeschwängert um wirklich lustig zu sein, bei weitem zu oberflächlich um wirklich Neues bieten zu können und in der Gesamtkonzeption einfach furchtbar billig gemacht.

Die Experten, Moderatoren und der Chefreporter haben noch nichtmal ein Fernsehbild von den Spielen und der Kollege in London muss sich per Handy in die Sendung zuschalten. Man fragt sich ja schon, was das soll. Und vor allem: Wer sieht sich das wirklich 3 1/2 Stunden lang an in Zeiten der kostenlosen Internet-Streams und -Ticker? Der “Mitmach-Effekt” bei Facebook hielt sich schon arg in Grenzen, da diskutierten die User eher miteinander als mit den Fernsehmachern. Und moderiert war das Ganze auch nicht.

Christian Ziege hat das Dilemma dieser Sendung ganz gut zusammengefasst, als er auf die Frage antwortete, was er im Fußball besonders gerne sieht. Die Antwort war: “Barcelona und Mario Götze”. Beides mache einfach Spaß. “Aber heute kann ich ja nicht fernsehen”, sagte Ziege und guckte ein bisschen so als möchte er den Sport1-Redakteur verklagen, der ihn unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in diese Sendung gelockt hatte.

Das was Annika da ins Studio trug waren übrigens Statistiken. Torschüsse, Ecken- und Ballbesitz-Verhältnis. Also das, was im Fernsehen eingeblendet wird und was der Zuschauer an jeder Ecke parallel im Netz abrufen kann. Nur der Sport1-Experte eben nicht…

Über Philipp

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