Fast zwei Minuten lang denkt man, man hätte beim falschen Album auf Play gedrückt. Zwei Minuten gedämpfter Klaviersound mit viel Atmosphäre. Ganz im Stil eines Esbjörn Svensson. Dann die „Erlösung“: ein rasanter Gitarrenlauf, fette Schweineorgel (Hammond-Orgel, jaja) und ein vertrackter und spannender Groove. Und schließlich die ersten gesungenen Worte von Mikael Akerfeldt. Unverkennbar, ja, doch, es ist „Heritage“, das neue Opeth-Album.
Die Assoziation mit dem Sound des großartigen schwedischen Jazzpianisten mag an mir liegen, aber ein Zufall ist sie auch nicht. „Heritage“ sticht aus der Diskographie der Band ziemlich heraus. Eigentlich stehen Opeth für verzwickten Death Metal, der zwischen progressiver Komplexität in den Songstrukturen und straightem Geballer schwankt, dementsprechend auch die Stimme mal atmosphärischer Gesang und mal düster-aggressive Growls (das sind diese Rachenlaute, falls sich ein Nicht-Metaller bis hierhin „verirrt“ haben sollte).
Auf „Heritage“ sucht man Growls vergeblich. Was alleine nicht überraschend wäre, schon auf dem unverzerrt atmosphärischen „Damnation“haben Opeth ihre Death-Metal-Wurzeln mal für ein Album weggelassen und nur mit der Atmosphäre relativ zurückhaltender Instrumentierung gearbeitet.
Diesmal ist das absolut nicht zurückhaltend. Ganz im Gegenteil, die Hammond-Orgel, klassisches des 70s-Rock, nicht zuletzt dank Jon Lord und Deep Purple, ist tragendes Element dieses Album. Dazu vertrackte, schon fast jazzige Rhythmen (Schlagzeuger Martin Axenrot spielt sich auf „Heritage“ in den Vordergrund) und die gewohnte Melancholie in Mikael Akerfeldts Gesang.
„I Feel Dark“ ist einer der Songs, mit dem sich auch bisherige Opeth-Fans schnell anfreunden können, auch „The Devil‘s Orchard“ ist so ein Stück. Schwer tue ich mich aber nachwievor mit „Nepenthe“ und anderen Stücken, die klingen, als hätte man versehentlich die Aufwärm-Jam-Session auf CD gepresst statt des eigentlichen Songs.
Album Nummer zehn fordert den Zuhörer noch mehr als die Vorgänger. Und genau deswegen mag ich es sehr gerne. Wahrscheinlich hätten Opeth nämlich recht problemlos den nächsten Meilenstein in Sachen Progressive Metal meets Death Metal veröffentlichen können. Sie haben es nichtmal versucht. „Heritage“ ist genauso vertrackt wie seine Vorgänger aber weit weniger aggressiv. Und doch deutlich schwungvoller als das schon angesprochene „Damnation“.
Mit dieser stimmigen, aber radikalen musikalischen Weiterentwicklung ist Opeth endgültig ein Platz in der Hall Of Fame des Heavy Metal sicher. Denn werden auch die angefixt, die mit Death-Metal-Gesang so gar nix anfangen können aber eben auch kein rein ruhiges Akustikalbum hören möchten.