Eine, die nicht verstanden hat – Eine Erwiderung

Die erfolgreichste Fußballerin der Welt verabschiedet sich am Abend von der großen Bühne. Alexandra Kraft schreibt Birgit Prinz auf stern.de einen offenen Brief – und ich eine Erwiderung.

Liebe Alexandra Kraft, Sie beschreiben meiner Meinung nach ihren Albtraum als Journalistin. Dass eine Spielerin gerne Fußball spielt und ungern Interviews gibt. Und wenn, dann kriegt man keine Bonmots à la Jürgen Klopp oder Thomas Müller, sondern “hervorgeknurrte” Kurzstatements. Sie schreiben über Birgit Prinz, Deutschlands Fußball-Rekordnationalspielerin.

Eine Frau, der zumindest für 90 Minuten ein gutes Fußballspiel wichtiger ist als Äußerlichkeiten, und die deshalb manchmal auffällt neben Mitspielerinnen, die “perfekt geschminkt und frisiert mit bunten Schuhen über den Rasen trabten”.

Birgit Prinz bekommt heute das, was sie verdient: Ein Abschiedsspiel. Denn Birgit Prinz hat den deutschen Frauenfußball geprägt. Nicht wie der Männer-Rekordspieler Lothar Matthäus mit Hilfe der BILD-Zeitung und häufig wechselnden Lebensgefährten sondern mit dem, was den Fußball ausmacht: Toren, Leidenschaft, Teamgeist und Freude am Sport.

Sie sprechen einer Spielerin Größe ab, die nach Niederlagen nicht gerne Interviews gibt. Die auch mal der Trainerin den Handschlag verweigert. Schonmal was von Ehrgeiz, der in Frust umschlägt, gehört?

Liebe Alexandra Kraft, für Sie ist Birgit Prinz ein Relikt aus vergangenen Tagen. Aber nicht wegen vergangener Leistungen, sondern weil sie “nie verstanden [hat], dass Fußball weit mehr als ein Spiel ist. Dass es heute auch darum geht, sich gut zu verkaufen.” Ich glaube, Birgit Prinz ist intelligent genug, um das ganz genau zu verstehen und zu durchschauen. Sie hatte nur nie Lust, dieses Spiel neben dem Feld zu spielen. Auf dümmliche Fragen zu antworten, etwa wie man sich fühle, wenn man sich mit tollen Leistungen bei der Heim-WM von der Nationalmannschaft verabschieden wollte und dann feststellt, dass man zur Unzeit im Formtief ist. Und übrigens beileibe nicht als einzige deutsche Nationalspielerin zu dieser Zeit.

Birgit Prinz war und ist eine großartige Sportlerin, der der deutsche Frauen-Fußball ein ebensolches Denkmal bauen sollte wie die Männer für Franz Beckenbauer und Gerd Müller. Und Birgit Prinz ist ein großartiges Vorbild für Jungs und Mädchen, die gerne Fußball spielen. Weil sie zeigt, dass es eben nicht darauf ankommt, “nach den Spielen locker lächelnd in die Mikrofone der Reporter zu flöten” oder “perfekt geschminkt und frisiert mit bunten Schuhen über den Rasen zu traben”. Wichtig ist nur eins: Der Spaß am Sport, den man ausübt. Der Rest ist ein Bonus für Journalisten, mit dem Spiel an sich hat er wenig zu tun.

Sehen Sie sich doch mal all die Interviews mittelmäßiger Fußballspieler an, die mehr mit Frisur und Schuhwahl beschäftigt sind, als mit dem Zusammenspiel auf dem Rasen. Die vermitteln, dass man mit einer Mischung aus dummen Floskeln und ein paar flotten Sprüchen anscheinend in der Journalistengunst – und damit der öffentlichen Wahrnehmung – weiter kommt als mit dem Geschehen auf dem Platz. Was Sie fordern ist nichts anders als die Bohlenisierung des Frauenfußballs: Wichtig ist, wie Du wirkst, nicht was Du tust.

Was der eigentliche Reiz am Fußball ist, das haben Sie, so scheint mir, nicht verstanden. Hoffentlich können Sie dieses Problem durch ein bisschen Nachdenken ändern. Ich wünsche es Ihnen. Es ist Zeit, erwachsen zu werden.

Über Philipp

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4 Kommentare zu “Eine, die nicht verstanden hat – Eine Erwiderung

  1. Vielen Dank für diesen Beitrag! Ich habe mich eben auch sehr über diesen unverschämten Artikel von Frau Kraft geärgert und einen entspr. Leserbrief beim Stern losgelassen…

    Zitate:

    “Denn Sie haben sich nie geändert.Sie haben nie verstanden, dass Fußball weit mehr als ein Spiel ist. Dass es heute auch darum geht, sich gut zu verkaufen.”

    “Sie waren wirklich eine ausgezeichnete Fußballerin. Zu mehr hat es leider nicht gereicht. Vielleicht gelingt Ihnen das im echten Leben besser. Ich wünsche es Ihnen. Es ist Zeit, erwachsen zu werden.”

    Eben: unverschämt.

  2. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Abtreibung, Alltag in Saudi-Arabien und Rassismus bei Anne Will – die Blogschau

  3. Vielen Dank für diese tolle Erwiederung. Ich bin fasst im Dreieck gesprungen, als ich Frau Krafts Beitrag gelesen habe. Ob Birgit Prinz diese Erwiederung wohl zu lesen bekommt? Schön wär’s.

  4. Lieber Philipp,

    der Artikel im Stern hat mich auch extrem geärgert, ich bin wütend!

    Deswegen ein Dankeschön für die großartige Erwiderung! Und ja, es wäre toll, wenn Birgit Prinz ihn lesen könnte/würde.

    Maya

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