Auch eine Ärzte-Geschichte

Sogar “Wetten dass“ habe ich sausen lassen. 1994, als die Sendung noch Schulhof-Thema war. Und das um Radio zu hören! Da kam nämlich das komplette Konzert der Ärzte aus der Harmonie in Heilbronn.1 Heute undenkbar. Freilich, Radiosender gäbe es genug, die sich um solch ein Samstag-Abend-Programm reißen würden. Alleine die Senderechte für ein Ärzte-Konzert zu bekommen, ist praktisch unmöglich geworden.2

Damals nicht, Die Ärzte hatten sich gerade wiedervereinigt und schwammen mit “Schrei nach Liebe“ und dem Album “Bestie in Menschengestalt“ auf einer unglaublichen Erfolgswelle.3 Damals freuten sie sich auf die Übertragung, Bela beispielsweise auf die Möglichkeit, endlich mal “ficken“ im Radio sagen zu dürfen. Was natürlich einer der (zahllosen) running gags des Abends wurde.

Via Radio erlebte ich also mein erstes Ärzte-Konzert. Und es war großartig. Die Band spielte die Songs, die ich mochte4 und war unfassbar witzig. Ich war vorher auf keinem Konzert einer ernstzunehmenden Band, noch nicht mal wirklich “auf Musik“, also bei einer der in Franken so populären Coverbands.5

Besonders beeindruckten mich neben der Rockstar-Attitüde gegenüber dem Publikum die schnoddrigen Ansagen. Vor allem die lässige Coolness, mit der die Ärzte immerfort die Prinzen verarschten.

Die Band, die auf jeder beschissenen Schulparty lief, die Eltern und Lehrern gefiel, durch die man meinte, mir und anderen 14-Jährigen endlich erklären zu dürfen, was der Thomanerchor in Leipzig ist. Die Freude der spießigen Musiklehrer. Die Fleisch gewordene Hoffnung auf eine sofortige, zumindest musikalische Einheit Deutschlands.6. Quasi das Unheilig der 90er – generationsübergreifende Strebermusik, wo das “Schwein sein “ im Refrain schon ein verschämtes “huch“ auslöste. Bzw. auslösen sollte/wollte.

Ich habe es von Herzen gehasst. Dann lieber rote Schnürsenkel 7 und Nazis ein gepflegtes “Arschloch“ ins Gesicht brüllen.

Die Ärzte waren in Heilbronn, von dem ich keine Ahnung hatte, wo genau es liegt, aber ich habe die Menschen dort beneidet, dass Die Ärzte ihre Stadt besuchten.

Ich habe das Konzert damals mitschnitten und mit Leukoplast eine drei-Kassetten-Hülle gebastelt, die mir in der Schule viele alter und neue Freunde verschaffte. Es war der Moment, in dem die Ärzte für mich zur wahrhaft besten Band der Welt aufstiegen.

Am vergangenen Freitag, den 13. kam nun das neue Album der drei, “auch“.8 “Auch“ zeigt Die Ärzte so wie ich sie liebe. Musikalisch immer für Überraschungen zu haben, hier vor allem “Cpt. Metal“. Ein Manowar-artiger Song, natürlich ohne deren Pathos, dafür mit gehöriger Ironie. Und mit großartigen Texten, für die drei teilweise monatelang nach den jeweils besten Worten gesucht haben, statt sich wie so viele andere mit der ersten, aber eben auch nur zweitbesten Idee zufrieden zu geben. Für “Tamagotchi“ hat Farin eigenen Angaben zufolge wochenlang nach einem viersilbigen Wort mit Betonung auf der dritten Silbe gesucht.

Auch die erste Single “ZeiDverschwÄndung“ war eine echte Überraschung. Musikalisch ziemlich sperrig und textlich eigentlich nur für die wirklich witzig, die die Turbulenzen rund um den Fanclub der Ärzte mitbekommen haben. Trotzdem hat dieser Song mehr Plays im Radio als alle anderen vor ihm, sogar als „Männer sind Schweine“, wie Bela und Farin im Interview betont haben.

“Auch“ ist wieder deutlich mitreißender als sein Vorgänger “Jazz ist anders“. Alleine über einen Song wie “M+ F“ würden sich zigtausende Bands freuen, bei den Ärzten ist es nur einer von vielen großartigen auf dem Album. Der traditionelle Wettstreit um die beste Songzeile, die größte Überraschung, den tollsten Song hat Die Ärzte, das Kollektiv dreier großartiger Musiker, zu wahren Bestleistungen angestachelt.

Und mich damit wieder in eine dieser Phasen gestürzt, in der mich außer den Ärzten kaum eine Band wirklich interessiert. Wie damals, 1994, nach dem Konzert in Heilbronn.

 

Die Ärzte haben übrigens zu jedem Song auf dem Album zwei (!) Videos gedreht. Jeweils ein “Performance-” und ein “Animations”-Video. Gibt’s auf der offiziellen Homepage und natürlich bei youtube.9

Das sieht dann beispielsweise bei “M+F” so aus wie hier (oben Animation, unten Performance):

 

  1. Ausgestrahlt von SWF3, ich habe bis heute keine Ahnung, wie ich die in der fränkischen Pampa per UKW empfangen konnte.
  2. Ich spreche hier aus Erfahrung, glaubt mir…
  3. Wie so viele Gleichaltrige war das mein Einstieg in den Ärzte-Kosmos, den ich mit Hilfe des Live-Doppelalbums aber schnell aufarbeitete.
  4. und auch ein paar, die ich bis dahin noch nicht kannte, aber toll fand
  5. Die ausnahmslos alle dasselbe Repertoire hatten und – wie ich später erst wirklich wahrnahm – traditionell am Gitarrenzwischenspiel von Kenny Loggins’ “Heartlight“ scheiterten. Was die Anwesenden im bierseligen “oho heartlight“-Gegröhle natürlich selten merkten.
  6. Vollzogen dann später von Rammstein, bei denen die Herkunft allerdings kein Promo-Argument sein musste
  7. Im ländlichen Mittelfranken der frühen 90er ein guter Grund, aufs Maul zu kriegen
  8. Der geneigte Leser, ob Fan oder nicht, wird davon gehört haben.
  9. Letzteres war zuletzt ja sogar Spiegel Online einen separaten Artikel wert.

Über Philipp

siehe Impressum.

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