#newrules und #nummersicher

#newrules. Darauf ist Jay-Z stolz. Mit seinem neuen Studioalbum „Magna Carta Holy Grail“ wollte er die Musikindustrie ein Stück weit verändern. Das hat er zweifellos geschafft. Musikinteressierte haben die Rahmenbedingungen sicherlich mitbekommen: 72 Stunden vor der allgemeinen, weltweiten Veröffentlichung am Montag, den 8. Juli 2013, kommt eine Million ausgewählter Besitzer eines Samsung-Handys in den Genuss der Musik. Vorausgesetzt sie haben die entsprechende App als einer der ersten installiert. Diese Form von Exklusivität – und dann auch noch kostenlos – gab es noch nie.

Jay-Z - Magna Carta Holy GrailDementsprechend sorgt die Kooperation – gerade jetzt, wo die App-Nutzer das Album schon haben – für Aufruhr. Die wirtschaftliche Seite sind die  kolportierten 20 Millionen US-Dollar, die Jay-Z aus der Partnerschaft erhalten soll. Damit taucht er sogar in Medien wie CNN prominent auf, was er im Song „Crown“ amüsiert als Zeichen für die eigene Bedeutung als Geschäftsmann anführt. Angeblich bekommt Jay-Z alleine fünf Millionen nur dafür, dass Samsung ihm eben eine Million Alben exklusiv für die eigenen Nutzer abkauft. Fünf Dollar pro Album, das entspricht in etwa dem was übrig bleibt, wenn Apple von einem zehn-Dollar-Verkaufspreis in iTunes seine eigene Marge abzieht.

Jay-Z hat mit diesem Album die Regeln verändert. Die offensichtlichste ist eine der RIAA, des Verbands der amerikanischen Musikindustrie. Dort wurden Künstler bis zu „Magna Carta Holy Grail“ erst 30 Tage nach einer Albumveröffentlichung bei entsprechenden Verkaufszahlen mit Gold- oder Platin-Auszeichnungen belohnt. Eine Regel aus der Zeit physischer Tonträger, die man im Laden bei Nichtgefallen ja auch zurück geben konnte. Bei digitalen Verkäufen beträgt die Rückgabe-Rate aber laut RIAA nur etwa zwei Prozent – auch gefördert von hohen Rückgabehürden bei iTunes, Amazon MP3 und Co. Aber weil es eben in der Regel nicht zu Rückgaben kommt, hat Jay-Z schon mit dem Tag der offiziellen Veröffentlichung seine Platin-Schalplatte sicher, wie die RIAA bestätigt.

Und eine weitere Regel, die Jay-Z verändert hat, ist das finanzielle Risiko  einer Albumveröffentlichung. Zumindest sein eigenes, er hat ja angeblich fünf Millionen Euro schon sicher auf dem Konto. Dass sein Album aber nach dem Release in einer Smartphone-App relativ einfach noch vor eigentlicher Veröffentlichung kostenlos im Netz runtergeladen werden kann, muss seine Plattenfirma ausbaden. Dass die großen Namen im Repertoire die kleinen mitfinanzieren, ist ja nun kein Geheimnis mehr. Und die Musikindustrie wird außerdem immer mehr wie die Filmindustrie zum Markt der Blockbuster: Der Kampf um Superstars ist hart und teuer, wenn dann so ein Mega-Produkt finanziell floppt, reißt das die (Quartals-)Bilanz mächtig in die Miesen.

#newrule Nummer drei: Man kann über dieses Album kaum berichten, ohne all diese wirtschaftlichen Auswirkungen zu erwähnen. Bei „Magna Carta Holy Grail“ ist die Musik schon fast egal, das Album wird in die Geschichte eingehen, wie Radioheads „In Rainbow“ und Princes „20TEN“.

Schade eigentlich, dass dadurch die Musik schon fast zur Nebensache wird. Denn „Magna Carta Holy Grail“ ist durchaus ansprechend. Zwar bei weitem nicht so innovativ wie das Marketing drumrum, aber Jay-Z macht, was er am besten kann: Mit cleveren Texten locker über gute Beats flowen.

Fans wie Rapper Casper mögen das bedauern,

Leute, die das letzte Kanye-West-Album gehört haben, sind wohl eher froh, nicht schon wieder mit krassen Experimenten überfordert zu werden.

Jay-Z hat so manchen Hit auf „Magna Carta Holy Grail“, vor allem die Songs mit prominenten Featuregästen: „Holy Grail“ mit Justin Timberlake (mit Nirvana-Referenz, wenn die beiden einen Teil aus „Smells Like Teen Spirit“ zitieren), „Oceans“ mit Frank Ocean (und einem richtig tollen Text) und natürlich das heiß erwartete Beyoncé-Feature „Part II (On The Run)“, wo die beiden nochmal in die Rollen von Bonnie und Clyde schlüpfen. Ansonsten glänzt er mit der ihm eigenen Mischung aus dicker Hose (vor allem im angesprochenen „Crowns“) und Erwachsensein (vor allem in „Jay Z Blue“, ein Song über den persönlichen Reifeprozess seit er Vater ist).

Musikalisch sind das ganz und gar nicht #newrules sondern eher #nummersichersongs. Wenn auch welche der guten Sorte. Aber man kann eben nicht alles auf einmal ändern. Am ehrwürdigen Billboard-Magazine hat sich Jay-Z übrigens die Zähne ausgebissen. Das gibt die offiziellen amerikanischen Zeilen heraus und hat ihn abblitzen lassen, als der die App-Verkäufe für die Charts gewertet haben wollte. Zähneknirschend räumt man aber ein, dass die Entscheidung nicht leicht war und zwischen den Zeilen steht auch ein „es ist heute nicht mehr leicht, Regeln für Charts fair zu gestalten“. Und die von Billboard müssen es ja wissen. Um den „Harlem Shake“ abzubilden, zählten praktisch über Nacht auf einmal YouTube-Views genauso wie Verkäufe. Sie sind halt Geschmacksache, diese #newrules.

Über Philipp

siehe Impressum.

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