Clawfinger und das hippe ZDF

Es gibt wohl nur wenige CDs, die es schaffen, beim Hören sofort Erinnerungen an die eigene Jugend zu wecken. Meistens sind es die, die man schon seit der pubertären Prägephase nicht mehr wirklich gehört hat. Bei mir ist das Clawfinger-Debüt “Deaf Dumb Blind” so eine Scheibe.

Nach Jahren kümmerlichen Daseins gab ich dem Album heute mal wieder eine Chance. Und schon mit dem ersten Song war es wieder da: Das Gefühl der Pubertät: Wut auf Autoritäten (Lehrer, Eltern), Liebeskummer, erstes Interesse für die größeren Zusammenhänge und und und

Und noch ein Bild kam nach und nach wieder mehr in mein Bewusstsein: Das des ZDF als coolen Senders. Heutzutage ja kaum zu glauben:

Alles in allem ist der durchschnittliche ZDF-Zuschauer derzeit 59 Jahre alt.

Damals, 1993, als “Deaf Dumb Blind” erschien, war das anders: das ZDF zeigte die Simpsons (wegen deren Verkauf man sich in Mainz wohl heute noch in den Arsch beißt) und auch der Samstag vormittag war extrem cool: Mehrere Male habe ich dort AC/DC mit ihrem “Live in Donington” gesehen. Dazu kamen richtig coole Nachtsendungen, u.a. ein paar Jahre später eine Konzertnacht eben mit Clawfinger, Such A Surge, Waltari und und und

Klaro, ich war ja auch 1-2-3-Kind (sprich: Wir hatten bei uns zuhause kein Privatfernsehen, Copyright für diesen Begriff @Tobi), da MUSS das ZDF ja cool sein. Und die private Konkurrenz war auch nicht so vielfältig und stark.

Dazu kam: “Deaf Dumb Blind” spiegelte mein Weltbild als pubertierendes Landei wieder. “Nigger” war der erste Song, dessen Text ich wirklich Beachtung schenkte, “Catch Me” hatte nicht nur plötzlich hereinbrechende Riffs, deren Intensität erst Rammstein wieder so hinbekamen (klaro, viele Metalbands waren natürlich härter. Aber Dauer-Lärm ist eben nicht so messerscharf) sondern auch einen Text, der echtes Kopfkino erzeugte: Auch heute noch habe ich beim Anhören das Bild eines verzweifelten Mannes im Kopf, der auf einem Hochhaus steht, nach unten sieht, Bilanz zieht und letztlich springt. Und all die drangsalierenden Autoritäten und Angepassten können ihn nicht aufhalten.

Was heute für viele Bushido, Sido und andere verkörpern (und früher die Böhsen Onkelz), waren für mich Clawfinger: Die ultimative textliche Waffe, gegen alles, das die pubertäre Freiheit gefährdet. Und dazu immer politisch, immer kritisch und immer voller Wut:

You learned how to creep and you learned how to crawl
But you never really learned anything at all

[...]

I had to learn the rules that build our society
But I could never understand it didn’t mean shit to me
Everybody always told me I was out of my mind
But I never did kiss anybodys behind

Clawfinger waren einfach der Shit. Wir alle haben diese CD gehabt. Wir alle haben sie geliebt. Keine Party ohne “Nigger”, schon alleine weil der provokante Titel – weil sie den Text nicht kannten – unsere Eltern auf die Palme gebracht hat. Mittelstandskinder, die wir waren.

Es gibt in meinem Leben nicht viele Bands, mit denen ich derart starke, positive Emotionen verbinde wie Clawfinger. Und dieses Album ist nachwievor ihr bestes. Nicht weil man meistens die ersten Alben (zumindest die ersten, die man kennt) emotional für die besten hält: Es hat einfach alles.

Es war musikalisch etwas völlig Neues, die modernste aller denkbaren Musikformen: Rap meets Rock. Clawfinger haben zeitgleich mit Rage Against The Machine einen echten Trend kreiiert, der im Judgement Night-Soundtrack wohl seinen Höhepunkt hatte. Keiner von uns kannte den Film. Jeder “Just Another Victim” von Helmet und House Of Pain, jeder “Disorder” von Slayer und Ice-T, jeder “Another Body Murdered” von Faith No More und Boo.Yaa.Tribe. Genauso war das mit Clawfinger: Keiner von uns hatte Mitte der 90er die Band live gesehen. Die Songs kannten wir alle.

Auch die vom – schwächeren – Nachfolger. Der perfekte Soundtrack zur Rebellion: zwei kleine Jungs singen:

When I grow up there will be a day
When everybody has to do …

Und wir alle brüllten

what I say

Deaf Dumb Blind ist ein echter Klassiker. Aber wohl auch nur für die, die heute zwischen 25 und 30 Jahre alt sind. Denn genau sie erlebten dieses Album während ihrer Pubertät.

Sollte ich je eine kleine Reihe über Alben für die Ewigkeit starten: Dieser Eintrag wäre wohl der Beginn.
Auch wenn ich mich jetzt verdammt alt fühle, nachdem ich all das geschrieben und mich an all das erinnert habe.

Was sind denn für Euch so Alben, die auch heute noch für Erinnerungen sorgen?

Über Philipp

siehe Impressum.

5 Kommentare zu “Clawfinger und das hippe ZDF

  1. Sag nicht, dass “deaf dumb blind” nur ab 25 aufwärts zieht – hab die platte gerade erst vor 10 tagen noch mal gehört (kein Witz!) und verbinde damit auch viel. U.a. wie es war vor deiner Tür im Flur zu sitzen und deine Mucke mitzuhören ;-)

  2. Des hab ich zwar nie gemacht (zumindest könnt ich mich nich dran erinnern) und ich hab des Album auch schon länger nich mehr gehört, aber für mich is des auch ein Klasse Album. Und ich bin “erst” 20 und hör inzwischen viel mehr Hip Hop und House als Metal/Rock.

    Übrigens: CDs die ich immer noch gern und regelmäßig hör, sind die Such a Surge Alben. Nach wie vor meine Lieblingsband und hör ich schon seit der Thomas des erste Album angeschleppt hat. Agoraphobic Notes, Under Pressure und Was Besonderes sind einfach geil. Aber auch die neueren Sachen find ich super. Is einfach ne Hammer-Band. Wirklich schade, dass se sich aufgelöst ham, aber vielleicht besser so, bevor die Musik schlecht wird. So werden se immer ne Band bleiben, die nur geile Alben in den Äther gejagt ham…

  3. Du beschreibtst ja eigentlich zwei Phänomene: zum einen generell Alben für die Ewigkeit, die man schon seit den jungen Jahren hört und die eigentlich immer wieder im Player liegen. Das sind bei mir z.B. “Appetite for destruction” von GnR oder auch “Get A Grip” von Aerosmith.
    Zum anderen Platten, die man früher riesig fand, aber dann im Regal verstaubt sind – und man den den Backflash bekommt, wenn man sie nach Jahren mal wieder anhört. So geht es mir z.B. mit “Balls To The Wall” von Accept. Ähm, ich weiß, nicht ganz so cool wie Clawfinger, aber Accept war mein erster Kontakt mit harter Musik und ich fand die Platte den Oberknaller.

  4. Absoluter Klassiker diese Platte!
    Das mit deiner Alterseinschätzung stimmt wirklich nicht so ganz. (bin 23 :)
    Hab mir neulich die Deaf Dumb Blind als remasterte version gekauft, kann ich nur jeden empfehlen der dieses Album liebt.
    Das mit dem ZDF hab ich garnicht so in Erinnerung, eher WDR Rockpalast der früher die ganze Samstag Nacht lief, und heutzutage sonntags lächerliche 3std. größtenteils langweilige Bands abspult.

    @Christoph
    Kann dir nur zustimmen bei Surge.

  5. Ich bin 17 und kenn Clawfinger jetzt seit 4 Jahren.
    Auch ich verbinde mit dieser Band viel, obwohl ich eigentlich Death Metal aber Clawfinger hat einfach genial Texte.. ein wahnsinn

Hinterlasse eine Antwort