Wenn man meiner lastfm-Statistik Glauben schenkt, war das Album des Jahres für mich “Death Magnetic” von Metallica.
Aber wer glaubt schon so einer Aufzählung? Da wird nicht berücksichtigt, wieviele Tracks ein Album hat und es wird auch nicht erfasst was im Auto oder sonstwo außerhalb der Scrobbler-Reichweite gehört wurde. Daher hier meine vollständige und korrekte Liste der Alben des Jahres 2008.
Wie immer: eigene Anmerkungen in den Kommentaren sind äußerst erwünscht.
10. Prinz Pi – Neopunk
Spät bin ich zu Prinz Pi gekommen, daher trifft mich weniger hart, dass der Rapper jetzt mehr auf elektronische Sounds (“Gib dem Affen Zucker”), gechillten Swing (Aschenbecher) oder veritable Rock-Gitarren (“Mein Blut”) setzt als auf klassische HipHop-Beats. Wer mit all diesen untypischen Elementen keine Probleme hat (wie ich), der wird “Neopunk” feiern. Vielleicht nicht gleich beim bzw. nach dem ersten Hördurchlauf aber mit etwas Geduld frisst sich dieses Album hartnäckig ins Hirn des Hörers und lässt einen nicht mehr los. Musikalisch abwechslungsreich, textlich mit brillianten Sätzen und Passagen.
Anspieltipps: “2030″, “Spür die Wut” und “Schläferstündchen”.
9. Opeth – Watershed
Vorsicht Death Metal! Wer mit Grunts, den typischen Death Metal-Gesangslauten nichts anfangen kann, sollte hier aufhören zu lesen und seine Aufmerksamkeit der nächsten Platzierung schenken. Wer damit leben kann oder Mikael Akerfeldt für einen der besten Grunzer im Death Metal hält, der wird an “Watershed” seine Freude haben. Das Ganze geht ganz harmlos und recht untypisch los aber mit Track 2 (“Heir Apparent”) bahnt sich pure Aggressivität, Spielfreude und die bewährte Opeth-Mischung aus Death Metal und Progressive Rock den Weg durch fast 55 Minuten “Watershed”. Das neue Album ist ein Stück komplexer als der Vorgänger und nach den Besetzungswechseln an Schlagzeug und Gitarre klingen Opeth auch härter und typischer nach Metal. Ganz starkes Stück Musik, wie eigentlich immer in den letzten Jahren Opeth.
Anspieltipps: Heir Apparent, The Lotus Eater
8. Coldplay – Viva La Vida Or Death And All His Friends
Ich war mit Sicherheit nicht der einzige, der vom letzten Coldplay-Album “X&Y” enttäuscht war. Irgendwie – sorry – war das uninspiriertes Geseier. Nicht sonderlich gespannt hörte ich daher das neue Album “Viva La Vida Or Death And All His Friends”. Und dann das: Ein echter Knaller! Die Singles sind alle großartig, auch wenn ich die teilweise schon fast zu oft gehört habe: “Violett Hills”, “Viva La Vida” und “Lost!” zeigen Coldplay von ihrer besten Seite. Der typische Gesang von Chris Martin ist auf dem neuen Album nicht nervig sondern einfach wahnsinnig passend und musikalisch haben Coldplay einen interessanten Zwischenweg aus dem gewohnten, eher sanften Rock und den ruhigen und fast glatten Pop-Passagen von “X&Y” gefunden.
Anspieltipps: die genannten Singles und Cemeteries Of London
7. Fettes Brot – Strom und Drang
Fettes Brot sind eine Bank als Liveband. Auf “Strom und Drang” zeigen sie ihre Ausnahmestellung als Pop-HipHop-Combo. “Bettina, zieh Dir bitte etwas an” bietet nicht nur textlich Gesprächswert sondern ist ein durchaus sperriger Track, der dementsprechend auch recht schnell an Reiz verloren hat (ich höre inzwischen nur noch den Superpunk-Remix). Die ruhigeren Songs wie “Ich lass Dich nicht los” (ein beklemmender Text über Internet-Stalking) oder “Automatikpistole” (die Abrechnung von Boris mit der deutschen Gangster-Rap-Szene) zeigen Fettes Brot als hervorragende Texter und ernsthafte Köpfe, während “Erdbeben” (samt Die Ärzte-Zitat aus “Elke”) oder “Das Allererste Mal” den gewohnten fröhlichen Fettes Brot-Partystyle abfeiern. Ein tolles Album!
Anspieltipps: Automatikpistole, Das allererste Mal, Ich lass Dich nicht los, 1€-Blues
6. Kanye West – 808s & Heartbreak
Also leicht macht es Kanye West seinen Fans nicht. “808s & Heartbreak” heißt nicht nur nach einer legendären analogen Drum Machine, es klingt maßgeblich anderes als das, was man von Kanye West kennt oder erwartet. Gerade deswegen finde ich es aber so gut. In einer nahezu stagnierenden HipHop-Szene bricht hier einer Grenzen auf und macht ohne Rücksicht auf Verluste Experimente. Fast übermäßig ist der Einsatz des Vocoders und von Auto-Tune, von HipHop-Beats kann auf “808s & Heartbreak” fast keine Rede mehr sein: Kanye West rappt nicht mehr nur, er singt immer häufiger.
Auch wenn der Einsatz der neuen Sounds für viele zuviel des Guten ist und auch wenn man das Album vielleicht mehrmals hören muss bevor sich der Reiz erschließt: Kanye West stößt Rap neue Türen auf. Wer mit ihm durchgeht, wird sich zeigen.
Anspieltipps: Amazing, Love Lockdown, Robocop, Heartless
5. Farin Urlaub Racing Team – Die Wahrheit übers Lügen
OK OK, ich bin nicht objektiv, ich bin großer Ärzte-Fan, gerade auch wegen Farin Urlaub. Ich stehe einfach auf seinen Humor und ich halte ihn für einen großartigen Rock-Gitarristen. “Die Wahrheit übers Lügen” ist sein drittes Solo-Album, das erste, an dem das Racing Team im Studio wirklich beteiligt war. Es stehe irgendwo in der Mitte seiner Solo-Alben, sagt Farin Urlaub selbst und diese Einschätzung kann man nur teilen. Es ist nur in Teilen so düster wie “Am Ende der Sonne” (“Karten”) aber auch nicht durchgehend so fröhlich wie das Debüt “Endlich Urlaub” (“Krieg”). Dazu kommen ungewohnte Klänge und sehr persönliche Texte (“Atem”) und musikalisch vielleicht die anspruchsvollsten Passagen eines Farin Urlaub-Werks bisher (“Niemals”).
Und weil das alles nicht genug ist, hat Farin Urlaub noch einige Rätsel (allen voran “Gobi Todic“) und kleine Spielereien eingebaut. Großartig!
Auf der “kleinen” CD gibt’s dazu noch vier Offbeat-Songs, die die Mischung aus typischem Urlaub-Humor, seinem Gefühl für großartige Melodien und die Mischung aus oberflächlicher (musikalischer) Fröhlichkeit mit bitterernsten Texten auf die Spitze treiben (“Zu heiß”).
Anspieltipps: Krieg, Niemals, I.D.F.G., Gobi Todic
4. Nas – Untitled
Eigentlich sollte dieses Album “Nigger” heißen. Das war Nas dann aber doch zu heiß, deswegen eben untitled. Inhaltlich ist der US-Rapper allerdings keine Kompromisse eingegangen. Die – zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch nicht feststehende – Wahl des ersten schwarzen Präsidenten der USA schwebt wie ein Leitmotiv über den Songs. Über größtenteils eher ruhige und chillige Beats rappt Nas mit dem ihm eigenen Flow über Rassismus, Politik und und und
Auch wenn Nas in Deutschland so wenige Alben verkauft, dass die Plattenfirma die Promotion für jedes seiner neuen Werke komplett eingestellt hat: Er kann es einfach. Abwechslungsreich, textlich hochwertig und in Sachen Rap über alle Zweifel erhaben.
Anspieltipps: Queens Get The Money, Sly Fox, Hero, Black President (in dieser Reihenfolge)
Eigentlich habe ich dazu schon alles gesagt, es nur noch nicht online gestellt. Ähem, sorry. Kurzform: Metallica haben den Hammer wiedergefunden und zeigen allen wo er hängt. Zum Glück nicht, indem sie ihre eigenen Alben der 80er kopieren sondern mit frischer Wucht. Von vertrackten Songstrukturen á la “… And Justice For All” über eingängige Hooklines wie bei “Kill ‘Em All” bis zu drückendem Sound wie auf “Master Of Puppets”: Dieses Album zeigt eine der einflussreichsten Heavy Metal-Bands dabei, wie sie es schafft, ihre legendäre Live-Energie auch auf CD zu pressen. Und praktisch nebenbei setzen Metallica die Geschichte von “The Unforgiven” fort.
Anspieltipps: All Nightmare Long, The Unforgiven III, Cyanide
2. Kings Of Leon – Only By The Night
Bisher waren die Kings Of Leon eher ein Insider-Tipp für Alternative-Rock-Fans. Das könnte sich bald ändern. “Sex On Fire”, die erste Single aus “Only By The Night” läuft zunehmend häufig in Musikfernsehen und -radio. Und auch der Rest des Albums muss sich wahrlich nicht verstecken. Irgendwie kommen die Gebrüder Followill inzwischen mehr auf den Punkt. Egal ob rockigere Stücke wie “Closer”, “Crawl” oder eben “Sex On Fire”, die ruhigen Stücke wie “Revelry” oder das was so etwas wie die musikalische Mitte des Albums ist (das großartige “Use Somebody” etwa): Die Kings Of Leon ziehen den Hörer mit ihrem neuen Album in den Bann wie sie es vorher nicht schafften. Hier stimmt einfach alles: Egal ob Fan der Band oder Neuling im Kings Of Leon-Kosmos “Only By The Night” ist DAS Rock-Album 2008.
Anspieltipps: Sex On Fire, Use Somebody, Revelry
Peter Fox, Frontmann von Seeed, haut ein Solo-Album raus. Und kämpft gegen die gigantische Erwartungshaltung der deutschen Musikwelt. Seeed werden gefeiert und sind unglaublich erfolgreich, Peter Fox ist der Leitwolf des Ganzen, wir erwarten also nichts weniger als ein Knaller-Album! Zeit hat er sich gelassen, viel Zeit. Und er hat eine Menge privates Geld investiert, um “Stadtaffe” so zu veröffentlichen wie er es sich immer vorgestellt hat: Ein echtes Orchester hat er finanziert, damit das Album so echt wie möglich klingt. Es hat sich gelohnt!
Anspieltipps: Alles Neu, Schwarz zu Blau, Ich Steine Du Steine, Lok auf 2 Beinen, Das zweite Gesicht
Also zu Platz 10 kann ich nur sagen:
Ich bin enttäuscht! Prinz Pi is der coolste deutsche Rapper und “Donnerwetter”, aber besonders “Teenage Mutant Horror Show” sind verdammt gute Alben. Auch vorher hat er scho einige geile Sachen gemacht und jetz des. Ich find nen paar Lieder ham gute Ansätze aber da kommt dann immer irgendwas was es versaut. “Schlag die Faust” und “Gib dem Affen Zucker” sind ganz cool, aber sonst kommt nich viel. “Nerdhymne” is total kacke zB.
Vielleicht muss ichs noch öfter hören, des is bei mir oft so, aber bis jetz bin ich echt enttäuscht, hätt mir viel mehr erwartet. Nich nur die Hip Hop Beats fehlen, auch textlich kommts find ich nich an Lieder wie “Keine Zukunft”, “Keine Liebe”, “Würfel” oder “Die Bomben schlafen” ran. Und auch so geile, aber textlich nich so anspruchsvolle Titel wie “Sneakerking” oder “Bratkartoffel” sind nich da.
Prinz Pi war einer der wenigen der noch coole deutsche Hip Hop Alben gemacht hat, aber die Szene stirbt…
PS: “Ein bizchen mehr” is cool
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Ich stehe ja total auf solche “Best of Year”-Zusammenfassungen. Die Januar-Ausgaben der Musikmagazine sind auch immer die einzigen Titel, die ich von Musikexpress und Konsorten kaufe.
In meinen Top 10 ist auf jeden Fall das Debut von Bon Iver, das mich bisher gut durch den Winter gebracht hat. In die gleiche Kategorie fällt auch “Third” von Portishead. Coldplay und Metallica wären auch in meinen Top 10.
@Christoph: Ich kann verstehen, dass Du Dich mit dem Album schwer tust. Mir ging es am Anfang ähnlich. Auch wenn ich nicht so ein beinharter Prinz Pi-Fan bin wie Du. In Sachen Beats ist das komplett was anderes, das kann man nicht anders sagen. Liegt vielleicht auch dran, dass DJ Craft (K.I.Z.) einige Beats für “Neopunk” gemacht hat, der hat halt schon einen anderen Style als Biztram.
Textlich hat Pi aber auch auf Neopunk wieder einige sehr gute Sachen gemacht, da empfehle ich einfach einen geduldigen zweiten und dritten Durchlauf.
@Tobi: Ich muss gestehen, dass mir “Bon Iver” bis eben überhaupt gar nichts gesagt habe. Nach kurzem Befragen von Kollegen Google: OK, ist auch nicht “meine” Musikrichtung aber das werde ich mir dann wohl mal reinziehen. Portishead habe ich auch überlegt, die wären auf jeden Fall in den TOP15 gelandet.