Der Popkulturjunkie hat mich auf das sehr lesenswerte Titelthema der aktuellen VISIONS-Ausgabe aufmerksam gemacht: Kulturkampf Musik. Saublöde Formulierung erstmal, immerhin war der Kulturkampf die Auseinandersetzung zwischen dem Deutschen Reich (v.a. von Reichskanzler Bismarck) und der katholischen Kirche. In der Story geht es aber weder um das eine noch das andere, sondern um den “Bürgerkrieg des Rock’n'Roll”: das Verhältnis Musikkonsument zu Musikern, Plattenfirmen und Musikzeitschriften. Aber Schwamm drüber, jetzt wissen wir wenigstens, dass in der Visions-Redaktion niemand Geschichte-Leistungskurs hatte. Und vor allem: Ich prognostiziere mal, dass die linksalternative Symbolik des Covers (rot- und orange-Töne überall, das Covermodel ballt die Faust etc.) sich bei der einschlägigen Laufkundschaft gut verkaufen wird. Und das ist ja das eigentliche Ziel.
Daher wundert es mich um so mehr, wenn man sein journalistisches Glanz- und Herzstück einfach mal so auf der parallel eröffneten Diskussionsplattform kulturkampf-musik.de verschenkt. Da kann man sich die Titelgeschichte nämlich komplett runterladen. Kostenlos. Nicht mal die Adresse muss man verkaufen. Also wirklich eine grundsätzliche Diskussion, die man anleiern will? Möglich (auch wenn die Visions selbst hofft, dass dadurch auch einige das Heft kaufen werden), der Artikel enthält Passagen (v.a. auch am Schluss), die eher an Werbespots der Aktion Mensch erinnern als an eine Musikzeitschrift. “Was für eine Gesellschaft möchtest Du?”
Für mich, der sich tagtäglich mit Musik, der zugehörigen Industrie und ihren Vor- und Nachteilen beschäftigt, waren weite Teile der Story nur aufgrund der Zitate oder Beispiele interessant, da wird es dem Durchschnittsleser sicher anders gehen. Was ich aber wirklich schlecht fand, waren ausgerechnet der Abschnitt, in dem die Visions nicht ganz uneigennützig argumentiert: Die Rolle der Medien als Musikvermittler.
Zu behaupten, nur gedruckte Fanzines seien das wahre und Homepages/ Blogs könnten deren Funktion und Charme nicht nachempfinden, weil sie häufig “mit einem fertigen Baukastensystem” erstellt seien, kann man noch in die Kategorie Nostalgie einordnen. Wenn aber ausgerechnet die Visions sagt, dadurch, dass interessierte Musiknutzer Platten blitzschnell und sehr früh aus dem Internet haben, muss der Musikkritiker einfach besser sein als Otto Durchschnittsblogger, ist das schon eine interessante These. Denn es ist hoffentlich nicht erst seit kurzem so, dass ein Musikjournalist seine Meinung präziser, besser begründet und kompakter darstellen kann als ein Durchschnitts-Rezipient.
Und: Das geschilderte Problem halte ich nicht für sonderlich relevant. Wie die Visions-Autoren an späterer Stelle selbst einräumen, ist nur ein sehr kleiner Teil der Musikhörer so informiert, dass er weiß, wann welche favorisierte Band ein neues Album veröffentlicht. Insofern dürfte der Wissensvorsprung des Musikjournalisten wohl in der Regel weiterhin gegeben sein. Hinzukommt, dass das Problem für ein Print-Magazin wie die Visions natürlich wesentlich anders und schlimmer ist als für Internet-Plattformen, TV oder Radio. Denn die haben nicht nur einmal im Monat Redaktionsschluss (wie im übrigen auch die Visions nicht, die ja seit geraumer Zeit eine wöchentliche Ausgabe im Internet anbietet).
Sprich: Der Absatz über die Musikmagazine trifft meines Erachtens nach nicht den Kern des Problems. Der besteht doch vielmehr darin, dass die eigentliche Stärke dieser Publikationen in Interviews und Hintergrundgeschichten liegt, beides aber zunehmend langweilig geschrieben/gemacht ist, aus Kostengründen wegrationalisiert wird oder schlicht nicht das Interesse der breiten, kaufenden Masse findet. Der Markt der Magazine über Musik ist inzwischen genauso unübersichtlich wie der allgemeine Musikmarkt, da hilft die (zunehmende) Spezialisierung einzelner Titel (Visions = alternativer Rock, RockHard = altsackiger Metal/Hard Rock, Juice = HipHop, Intro = alles, Hauptsache Indie, …) auch nicht weiter.
Und Teil 2 des Berichts über die Rolle der Medien ist ein echtes Ärgernis. Er besteht nämlich nur aus einem einzigen Zitat, das ärgerlicherweise unkommentiert stehen bleibt. Achim Bergmann vom Münchner Label TRIKONT sagte der Visions Folgendes: “Wo sind die guten Sendungen in Fernsehen und Radio, die wirklich von Musik handeln?”. Abgesehen davon, dass “wirklich von Musik” wohl interpretationsbedürftig ist, halte ich es für zumindest leichtfertig, wenn sich ausgerechnet ein Label dazu äußert, dass kaum jemanden im Programm hat, der wirklich für ein MASSENradio geeignet ist. Mit viel Liebe vielleicht Hans Söllner.
Diesen Aspekt hätten die Visions-Leute entweder weglassen oder ausführlicher behandeln sollen. So hat man das Gefühl, dass keiner der Beteiligten mit der Medienlogik von Radio und TV vertraut ist und es wird einfach ein plattes Klischee (über das man durchaus diskutieren könnte!) weiterverbreitet. Schade!
Insgesamt aber durchaus eine lesenswerte Story, v.a. für Leute, die eben nicht viel Hintergrundwissen zur Szene besitzen. Schade, dass der Schluss etwas pathetisch geraten ist, aber das kann passieren, wenn man einen Bericht über die eigene Arbeit mit viel Herzblut und Recherchearbeit verfasst. Daumen hoch, Visions, ein guter 12-Seiten-Artikel, zu dem sicher so viele Reaktionen kommen, dass ihr die o.g. Schwächen in einer der nächsten Ausgaben noch korrigieren könnt.
Und vielleicht findet ihr dann auch eine Antwort auf die Frage, die mich schon seit langem interessiert: Warum empfinden viele überhaupt kein Unrechtsbewusstsein, wenn sie illegal Musik runterladen, sondern begründen das mit hohen CD-Preisen, sind aber jederzeit bereit, Unsummen für Handy-Klingeltöne (und -Spiele) auszugeben?