BILD, Bunte und Focus sind laut Google News Orte wo man auf Lily Allen stößt. Allesamt keine Musik-Fachblätter. Und das zeigt auch den Stellenwert der englischen Sängerin hierzulande: Ihr Debüt-Album „Alright, Still” ging in Deutschland ziemlich unter, die bekannteste Single „Smile” schaffte es gerade mal auf Platz 67 der Single-Charts.
Den Zustand, dass ihr Liebesleben für viele interessanter scheint als die Musik, will Lily Allen mit ihrem zweiten Album ändern. Und ich glaube, es kann ihr durchaus gelingen. „It’s Not Me, It’s You” ist ein erwachsenes, ausgewogenes und abwechslungsreiches Pop-Album.
Getragen von der teilweise kindlich anmutenden Stimme von Lily Allen und ihren tollen Texten über Beziehungen, Boulevard-Journalisten, Gott und die Welt mischt die Sängerin in ihren Sound Akkordeon, Klavier und sanfte Retro-Pop-Beats à la „Valerie”. Dadurch klingen die 12 Songs auf „It’s Not Me, It’s You” deutlich moderner und tanzbarer als das musikalisch eher hausbackene Pop- und Reggae-Gemisch des Debüts „Alright, Still”. Gleichzeitig klingt Lily Allen aber phasenweise auch düsterer als zu erwarten war.
Noch mehr als auf dem Debüt sind auch auf dem zweiten Lily Allen-Album die witzigen und bisweilen boshaften Texte eine nähere Betrachtung wert. Dabei rechnet sie vor allem humorvoll mit ehemaligen Beziehungen ab. Der eine war rassistisch und schwulenfeindlich („Fuck You”), der nächste hat nicht begriffen, dass das Ende des Zusammenseins endgültig ist („Never Gonna Happen”) und so weiter. Dazu kommen die Boulevardmedien („22″), Lily Allens neues Lieblingsziel für Hohn und Spott, Drogensucht („Everyone’s At It”) und das Fernsehprogramm voller Kochshows („Chinese”).
Am besten gelingt ihr die Mischung aus kindlicher Naivität und erwachsener Boshaftigkeit meiner Meinung nach in dem Song „Him”. Hier fragt sie ob sich Gott eigentlich auch so schlecht Namen merken kann, welchen Politiker er wählen würde und ob er nicht traurig darüber ist, dass die Menschen sich gegenseitig bekämpfen.
Unterm Strich ist „It’s Not Me, It’s You” ein hervorragendes Pop-Album vor allem für Freunde von guten Songtexten. Natürlich gibt es auch schwächere Songs, aber unterm Strich sollte es Lily Allen gelingen, dass Musikexpress, Visions und andere Musikzeitschriften die Google-Treffer bei Bild, Bunte und GMX verdrängen.
Dieser Text entstand für meine Kolumne in der Sonntagsbeilage “WO” des Badischen Tagblattes.