Dass die Entlassung eines Fußballtrainers das ARD-Fernsehen ein „Brennpunkt“ zur besten Sendezeit wert ist, zeigt wie abnormal dieses Arbeitsverhältnis war. Den ganz Tag werden heute schon alle möglichen Aspekte des klinsmannschen Scheiterns hin- und hergewälzt. Jeweils garniert mit knackigen Zitaten.
An oberster Stelle steht dabei das berühmte
“Die Philosophie ist, jeden Spieler jeden Tag ein Stück besser zu machen”
Mit diesem Credo ist Jürgen Klinsmann angetreten und an diesem Satz ist er gescheitert. Denn dieses Vorhaben ist unter der Dauerbeobachtung, unter der der FC Bayern jeden Tag steht, kaum umsetzbar. Zu sehr stehen so nämlich Oberflächlichkeiten im Blickpunkt: Buddhas, rosa Schuhe und und und. Wirkliche Arbeit ist bei den Bayern anscheinend nur in der Vorbereitung und unter kompletter Abschottung möglich. Und letztere hat Klinsmann – trotz mancher Unkenrufe zu Saisonbeginn – nur sehr selten geschaffen.
„Jeden Spieler jeden Tag etwas besser?“ Die Spieler haben auf dem Platz nicht bewiesen, dass ihnen ihr Trainer etwas beigebracht hätte, das für sie Neuland war.
Franck Ribéry ist weiterhin nicht an Defensivarbeit interessiert, Lukas Podolski kann weiterhin weder mit dem rechten Fuß noch per Kopfball Torgefahr erzeugen, Christian Lell ist weiterhin weder defensiv noch offensiv ein Außenverteidiger, der in einer Bundesliga-Spitzenmannschaft etwas verloren hat, Mark van Bommel zeigt weiterhin Aktionen, die nicht Motivation sondern schlicht unfair sind und und und.
Dass mit Marcel Jansen – und letztlich auch Lukas Podolski – junge Spieler vor Klinsmann kapituliert haben, ist nur das letzte Indiz dafür, dass Klinsmann ein akribischer Arbeiter ist, aber seine Begeisterung den Spielern nicht regelmäßig im Drei-Tages-Rhythmus aufzwängen konnte.
Als Nationaltrainer sind flammende Motivationsreden leichter. Denn man muss sie nicht so häufig halten.
Die größeren Defizite Klinsmanns liegen aber in seiner taktischen Arbeit. Natürlich hat ihm der Vorstand einen Kader übergeben, der viele Defizite aufwies. Der Posten des rechten Außenverteidigers beispielsweise: Christian Lell und ein langzeitverletzter Willy Sagnol. Damit gewinnt man keinen Blumentopf. Und Massimo Oddo – immerhin einer von nur drei Neuzugängen unter Klinsmann – ist einer Spitzenmannschaft ebenfalls unwürdig. Nicht umsonst saß er auch in den schwächeren Phasen des AC Mailand auf der Bank.
Aber Probek hat in seinem Fazit der Ära Klinsmann einen Satz geschrieben, der das Personaldilemma hervorragend auf den Punkt bringt:
Dennoch gehört es auch zu den Aufgaben eines Trainers, einen Kader zusammen zu stellen oder zumindest zu fordern, der den vom Verein formulierten Ansprüchen auch im Europapokal gerecht wird.
Insofern: Wenn man im Winter zurecht erkennt, dass ein Stürmer fehlt, dann sollte es halt kein Landon Donovan sein, der als Heilsbringer ausgesucht wird.
Ich bin trotzdem weiter ein Fan von Jürgen Klinsmann und ich glaube viele Früchte seiner Arbeit werden die Bayern in drei bis fünf Jahren ernten. Was ein Leistungszentrum wie das an der Säbener Straße einem Verein bringen kann, zeigen der AC Mailand und Arsenal, deren moderne Trainings- und Analysemethoden weltweit als Vorbilder gelten.
Und eigentlich ist doch auch nicht wirklich etwas passiert: nachdem Cottbus überraschend gegen Wolfsburg gewonnen hat, ist die Meisterschaft weiterhin in Schlagweite. Die Qualifikation für die Champions League sowieso. Im DFB-Pokal kann man auch mal ausscheiden, ebenso im Champions League-Viertelfinale gegen Barcelona.
Was Klinsmann das Genick brach, waren letztlich drei Spiele, in denen die Mannschaft unfassbar schlecht gespielt hat:
2:4 gegen Leverkusen
0:4 gegen Barcelona
1:5 gegen Wolfsburg
Über alles andere (zuviele Gegentore, zuviele Niederlagen, zu schwankende Defensivleistungen) hätte das Bayern-Präsidium im Erfolgsfall (Meisterschaft) sicherlich hinweggesehen. Und man muss in einer Saison des Umbruchs auch mal ertragen, keinen Titel zu gewinnen. Alles andere ist Augenwischerei. Und solange die Kohle stimmt, weil die Champions League erreicht wird: so what?
Unterm Strich werden die Bayern jetzt wohl fünf Spiele zeigen, in denen sie defensiv sicher stehen aber die Spieler rennen wie die Blöden (denn es gibt jetzt ja keinen mehr, der für sie den Kopf hinhält) und gewinnen. Wenn vielleicht auch knapp. Einziger Härtetest: Das letzte Spiel der Saison gegen Stuttgart.
Schade, dass Klinsmann keine echte Chance bekam.
Schade, dass er die Ressourcen dieses Riesenvereins nicht besser genutzt hat.
Schade, dass letztlich irgendwie der Eindruck bleibt, die Boulevardmedien hätten zusammen mit Rensing, Ribéry und dem derzeit eher lustlosen Toni den Trainer abgesägt.
Für die nächste Saison steht auf jeden Fall fest: Es muss ein starker Trainer her. Und gerne neben Timoschtschuk ein weiterer Superstar. Alleine um Franck in seine Schranken zu weisen und Luca Toni auch mal von seinem Diven-Trip runterzuholen.
Oder macht das Hermann Gerland morgen früh im Training mit einer saftigen Blutgrätsche sowieso?
Ich wette: Klinsmann kommt wieder in die Bundesliga zurück. Und zeigt Rummenigge, Hoeneß und Beckenbauer was er hätte erreichen können. Hätte man ihm nur mehr Zeit und Ruhe gegeben.
Das mit den Nationalmannschafts-Motivationsreden ist ein wichtiger Punkt. Ich habe mir bei der Sichtung des “Sommermärchens” gedacht: Wenn das ein Trainer mit mir 2mal wöchentlich machen würde, gäbe es nach 6 Spielen keinen Grund mehr zuzuhören.
Habe in meinem Blog auch kurz erwähnt, wer weiß was er bei einem kleineren Verein erreichen könnte. “Mittelständische” Clubs mit Potenzial brauchen Dynamiker wie Klopp, Rangnick oder eben Klinsi. Die Handvoll Großklubs in Europa haben zumeist Vaterfiguren die das Gefüge des Vereins zusammenhalten (Ausnahme: Guardiola bei Barca – aber er hat den besten Kader und ist noch nicht lange da) – dafür sind die Genannten zu sehr auf ihre eigenen Visionen bedacht, für welche man bei den Megavereinen selten genug Zeit hat – damit wären wir wieder bei deiner Headline.
Finds auf jeden Fall echt schade, dass er jetz gehen musste. Allerdings haben die Bayern echt schlecht gespielt. Aber es is auch zu einfach immer entweder nen langen Ball auf Toni zu schlagen oder ihn Ribery zu geben und zu sagen: Da, mach! So läuft des nich.
Und dann hör ich im Radio bei Live im Stadion Fans die sagen eine Spitze is zu wenig, scheiß Aufstellung => Klinsmann raus. Natürlich is eine Spitze scheiße aber wen gab’s denn? Den Poldi. Und der bringt bei Bayern nie was. Der hatte die ganze Saison vielleicht zwei gute Spiele aber fordert immer Einsätze. Erstmal Leistung bringen. Nächstes Jahr bei Köln wird er wieder gut sein aber den würd ich für den Rest der Saison auf die Tribüne setzen oder zur 2. Mannschaft schicken. Des is einfach nur ne Frechheit was der “bringt”.
Und dass es neben ihm keine Alternativen mehr im Sturm gibt, da Klose leider verletzt is, is halt nen Fehler der Sommervorbereitung, der im Winter leider nich ausgebügelt wurde.
Des wiederum is aber auch Klinsmanns Schuld…
Jep, Christoph, so geht mir das auch: Es ist schade.
Das Spiel der Bayern (ohne Lahm und Klose) war in der Tat mehr als simpel: Ribery => Toni => Tor (oder eben nicht).
Ich zitiere mich mal kurz selbst: “Wenn man im Winter zurecht erkennt, dass ein Stürmer fehlt, dann sollte es halt kein Landon Donovan sein, der als Heilsbringer ausgesucht wird.”
@gses: Absolute Zustimmung. Bei einem Verein wie Wolfsburg, wo man in Ruhe arbeiten kann, wäre Klinsmann durchaus erfolgreich. Wie gesagt: ich glaube, der kommt nochmal wieder. Und wird die Bayern ordentlich ärgern.
Ja hab den Satz gelesen und dir nur noch mal Recht gegeben
Wen würdest du denn als Trainer bevorzugen? Ich mein Wenger is natürlich sehr unrealistisch, hab aber jetz überall gelesen, dass der Rummenigge den Favre holen will. Bin mir da nich so sicher. Ich mein Hertha spielt echt scheiß Fussball, aber erfolgreich sind se. Und mit ner besseren Mannschaft würde Favre denk ich auch offensiver spielen lassen, also könnts schon was werden.
Fänd Labbadia auch nich schlecht, aber vielleicht is der von der Art her dem Klinsmann zu ähnlich…
Na ja, mal sehen wers wird, aber bin gespannt auf andere Meinungen.
Nunja, also nachdem mit Klinsmann gerade ein junger Trainer gescheitert ist, halte ich Labbadia und Klopp zwar weiterhin beide für gute Trainer aber chancenlos.
Meine Tipps? Schwierig. Ich fürchte, ein internationaler Top-Trainer à la Hiddink oder so ist nicht drin, Wenger hat dem FCB ja eh schon unzählige Male abgesagt.
Solange es ein Trainer mit modernen Ansichten und Methoden ist, habe ich keine Präferenz. Außer, dass mir Jol lieber wäre als Favre, Slomka fände ich nicht gut, der kommt mit dem Stars nicht klar.
Wenn ich die Wahl hätte: Rijkaard.
Realistischer: Schuster
Hauptsache nicht Lattek
Das “Sportschau Extra” im Brennpunkt-Stil hatte übrigens 4,53 Mio. Zuschauer insgesamt. Finde ich beachtlich. Zum Vergleich: Das ist mehr als das Schweinegrippe-Spezial im ZDF…
Die Bayern wollen sich mit ihrem neuen Trainer nicht lächerlich machen, daher werden sie schon auf eine gewisse Souveränität bauen. Die großen Namen sind aber wohl nicht drin. Außer Hiddink, den kann ich mir vorstellen – aber ich hab da nicht so den Einblick wie das so mit Russland bei dem geregelt ist. Wenger hat wohl abgesagt, sonst würde Rummenigge nicht auf einmal so vom Leder ziehen
http://tinyurl.com/c55rcu
Rijkaard und mein Geheimtipp Mark Hughes sind ähnlich risikoreich wie Klinsmann. Mit Schuster würde es allen Ecken dauernd brodeln aufgrund seiner eigenwilligen Art, dennoch vorstellbar.
Ich glaube aber es wird jemand vom Kaliber van Gaal, Advocaat, Gerets.
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