Urban Priol reduziert Politiker gerne auf einzelne Eigenschaften und Unzulänglichkeiten und kommentiert dies dann bissig und teilweise schon fast beleidigend. Da wird aus der Kanzlerin Angela Merkel “der Hosenanzug” oder “das Ost-G’steck”, Bundespräsident Horst Köhler ist der “Bundespräsidentenversuch” und Michael Glos ist in der Darstellung Priols ein debil winkender und einfältiger Grobklotz. So natürlich auch am Freitag, den 4. Januar im Rosengarten in Mannheim.
Schon das dritte Jahr in Folge waren Anke und ich in Priols Jahresrückblick-Programm “Tilt!”. Die Karten dafür haben wir schon im Oktober bestellt, und auch da war die Auswahl der Plätze nicht eben groß. Was also ist der Reiz an Urban Priol, warum strömen die Menschen in Scharen in seinen Jahresrückblick?
Meiner Ansicht nach liegt es daran, dass er eben doch nicht einfach so böse und grobschlächtig ist, wie er teilweise auf den ersten Blick wirkt und wie ich ihn im ersten Absatz beschrieben habe.
Vielmehr sind dies nur die bösen Spitzen gegen die Menschen “da oben” während sich Priol selbst tendenziell eher auf die Seite des “kleinen Mannes” schlägt und dafür sein “Alter Ego”, den fränkischen Stammtischbruder bemüht. Aus diesem Gegensatz heraus erklärt sich die oft böse und direkte Titulierung von Politikern und Wirtschaftsbossen. Und nur mit diesem Gegensatz funktioniert sie.
Während die Spaßmacher aus dem Privatfernsehen – wenn sie sich mal mit Politik beschäftigen – selten über das dumpf-dämliche Niveau der täglichen BILD-Ausgabe hinauskommen, führt Priol “die da oben” schon mit ihren Zitaten und ihren (Nicht-)Handlungen ad absurdum, bevor er ihnen mit deftigen Begriffen den Todesstoß versetzt. Wenn man sich die Bilanz des G8-Gipfels ansieht, kommt man ohne Schönreden eben kaum umhin von “Scheinheiligendamm” zu sprechen, betrachtet man sich die Korruptionsskandale der Wirtschaft, treffen sich beim Wirtschaftstreffen in Davos eben durchaus jährlich “gefühlte 12.000 Jahre Knast” und so weiter. Priol ist nicht der Böse, er nennt es nur beim Namen.
Und zwar durchaus auch wenn die sogenannten Kleinen sich merkwürdig inkonsequent verhalten. Priol steht im besten Sinne in der Mitte der Gesellschaft und glänzt damit, dass man von ihm die deutlichen Worte hört, die man von Politikern vermisst. Priol zeigt Konstanz und Konsequenz, nicht wie viele Politiker Wankelmut und Populismus. Wenn er Angela Merkels Bilanz 2007 zieht und mit den Worten “Es gilt das gebrochene Wort” zusammenfasst, bleibt einem keine Alternative als der Applaus für diese Analyse.
Und gerade dieser pointierte Biss macht Priol zu einem der besten deutschen Kabarettisten derzeit. Auch dadurch hat seine Kabarett-Sendung “Neues aus der Anstalt” (in genialem Zusammenspiel mit dem ähnlich veranlagten Georg Schramm) den oft harmlosen und biederen ARD-Scheibenwischer in der Gunst vieler (man beachte auch die Kommentare!) längst überholt.
Insofern gibt es für mich keinen Zweifel: Ich werde auch nächstes Jahr Priols Schaffen begeistert verfolgen. Und man kann allen, vor allem denen in Machtpositionen, nur empfehlen es ebenso zu machen. Und dann darüber nachzudenken was dort gesagt wurde. Vielleicht füllt sich dann Merkels Hosenanzug doch noch mit eigenem Profil und findet Horst Köhler als Bundespräsident die Souveränität, doch mal ernsthafte Kritik zu üben statt eine Schönwetterrede zu halten.