Das Internet gibt auf. Am 26.6.2009. Dann erscheint bei Sony Music (ehemals SonyBMG) die – Zitat Pressemitteilung – „weltweit erste MySpace-Multi-Artist-Zusammenstellung auf Doppel-CD“.
Wie absurd: Das Vorzeige-Web2.0-Portal für Musik nutzt zur Werbung für seine Künstler nicht nur eine stinknormale herkömmliche Plattenfirma, man wählt dafür auch das Format der 90er: den Doppel-CD-Sampler.
Ganz nach dem Motto „a few killers, the rest fillers“.
Nur: Dass dieses Schema 2009 nicht mehr funktioniert ist einer der Gründe für die sinkenden Alben-Verkäufe der Musikindustrie. Heutzutage holt man sich nämlich einfach per iTunes, Musicload und Co die „killers“ und lässt die „fillers“ da wo sie hingehören: Im Laden.
In der Sony-Zentrale in München scheint diese Erkenntnis noch nicht angekommen zu sein.
Und so versucht man Käufer zu ködern mit alten Hüten, die man seit Monaten überall kaufen kann: Kings Of Leon („Use Somebody“), The Kooks („Always Where I Need To Be“), Placebo („Battle For The Sun“), MGMT („Kids“) etc. Allesamt Titel, die die Zielgruppe einer solchen Compilation bei Gefallen wohl schon lange besitzt. Immerhin ist anzunehmen, dass die Interessieren an Alternative-Newcomern die großen Bands des Genres sowieso schon kennen.
Man muss regelrecht suchen (oder den Begriff „Newcomer“ recht weit fassen) um wirklich auf die paar Bands zu stoßen, die Sony und MySpace mit dieser Compilation bekannter machen könnten als sie schon sind. Ich zähle etwa zehn bis zwölf mir unbekannte Bands. Diese würde ich mir auch gerne anhören, am einfachsten natürlich über das MySpace-Profil des Samplers. Aber: Dort ist keine Musik eingebunden.
Ebenso wie die dort mehrfach gestellte Frage bisher unbeantwortet ist: Wie kommt man eigentlich auf diesen Sampler?
Und so bleibt am Ende eine ernüchternde Erkenntnis: Diese Aktion bringt niemandem etwas. Für Fans von Alternative Rock sind die enthaltenen großen Namen eher unattraktiv, die kleinen Bands kriegt man nicht „solo“ (denn den Sampler gibt es nur als Download-Bundle – wer auch immer sich diesen Unsinn hat einfallen lassen). 1
Die Hände reiben werden sich einzig und allein die Marketing-Abteilungen. MySpace strickt weiter am Mythos, dass diese Plattform nahezu allein Musiker und Bands „groß“ machen kann. Und Sony glaubt, sie haben das Web2.0 verstanden und seien bereit für die Zukunft.
Mit den wirklich neuen Bands geschieht das, was schon Sampler wie „Bravo Hits“ und „Crossing All Over“ in den 90ern gemacht haben: Die kleinen Namen entdeckt man nur wenn man sich die Compilation komplett und aufmerksam anhört. Einziges Problem: Die 90er sind vorbei. Und wohl auch die Zeit der Compilations, die sich an Musikinteressierte richten. Sampler brauchen heute – das zeigen die entsprechenden Verkaufscharts – nur noch (Pre-)Teenies („Bravo Hits“), oberflächliche Musikhörer („Die ultimative Chart Show“) und Techno-Fans (warum auch immer, wohl wegen der Mixe).
Dieses Projekt hätte durchaus spannend werden können. Denn aufgrund der Masse an guten Bands bei MySpace kann ein (professioneller?) Filter nicht schaden, der den Fokus auf einige hoffnungsvolle Talente legt. In der beschriebenen Ausführung beweist die „MySpace Playlist“ aber hauptsächlich eins: Weder MySpace noch herkömmliche Plattenfirmen bestimmen den Musikkonsum der Zukunft. Aber auch das war schon vor der Compilation bekannt.
- Diejenigen, die nicht so tief im Genre verwurzelt sind, dass sie von den größeren Namen angesprochen werden und zugreifen, dürften eine verschwindend geringe Zahl sein. ↩