Meine Vision

Timm Klotzek ist Chefredakteur der NEON, einer Zeitschrift, die laut Spiegel “inoffizielles Zentralorgan der 20- bis 35-Jährigen” ist. Im Interview mit Spiegel Online unterstellt Klotzek dieser Altersgruppe – zu der ich auch gehöre – sie sei

pragmatisch, nicht organisiert, visionslos, leidensfähig, unideologisch. Deswegen nutzt es auch nichts, für eine pragmatische Zielgruppe irgendwelche politischen oder sozialen Utopien zu entwerfen.

Dem möchte ich entschieden widersprechen.

Denn nur weil wir anders sind als die 68er (die letzte große “Protestgeneration” (West-)Deutschlands) heißt das nicht, dass meine Altersgenossen und ich alles hinnehmen was um uns herum in diesem Land geschieht.

Sicher, auch ich bin kein Freund der großen Massendemonstrationen. Denn diese bringen in meinen Augen nichts und werden sowieso – egal wie lobens- und unterstützenswert ihr Anliegen ist – irgendwann von einigen für “lustige” Guerilla-Aktionen missbraucht und machen sich daher häufig selbst lächerlich.

Hier die Utopie, die Vision, auf die ich in diesem Land hoffe: Meine Generation kann es schaffen, eine neue politische Kultur zu verwirklichen. Die kohlschen Jahre des Problem-Aussitzens, der Basta-Kanzler Schröder, die sich Mehrheiten aus Machtgründen anbiedernde FDP, all das wird es in dieser Form nicht mehr so leicht geben.

Denn wir bekommen Hoffnung. Hoffnung aus den USA. Dort entstehen Plattformen, die Protest – niveauvollen genauso wie lustig gemeinten – kanalisieren und weitertragen.

Über Twitter sind viele Lobeshymnen geschrieben worden (und mindestens ebenso viel Unsinn). Aber wer sich mit diesem Kommunikationskanal wirklich auseinandersetzt, der merkt schnell wie er Nachrichten und Stimmungen verbreitet. Und das nicht nur unter Computer-Nerds. Bei Youtube können wir – ernsthafte wie lustige – Protestvideos und Augenzeugenberichte veröffentlichen. Und schließlich – das größte Kapital im Kampf um Anerkennung unserer Genaration durch die Etablierten – gibt es ja noch Google. Und Google vergisst nicht.

Thomas Knüwer hat sehr schön beschrieben wie die Cache-Funktion von Google, das Gedächtnis unserer Generation, dazu beitragen kann, Lügen als solche aufzudecken und die Einhaltung ehemaliger Versprechungen zu kontrollieren. Die Politik, vor allem die Parteien, hatten lange Angst vor Seiten wie abgeordnetenwatch.de. Denn die Antworten, die sie dort auf Fragen geben können wir auch in Jahren noch lesen und damit ohne große Mühen Aussagen von Politikern prüfen.

Heute hat der Bundestag das Gesetz zu Internet-Sperrungen durch Listen des BKA beschlossen. Und man mag die Abgesänge auf die beiden großen Volksparteien bei Twitter als Nerd-Tum abtun. Auf Dauer wird sich aber zeigen, dass wir alle die von uns gewählten Abgeordneten und die Kandidaten für unsere wertvollen zwei Stimmen künftig noch genauer prüfen werden. Das Internet vergisst nicht. Und damit auch nicht meine Generation.

Das werden die Parteien spüren. Vielleicht schon am 27.9. bei der Bundestagswahl, auf jeden Fall aber mittelfristig. Und wenn es dann auch um das Geld für die hübschen großen Parteizentralen und die ganze Partei-Bürokratie geht (die Parteien bekommen ja anteilig zu ihren Stimmen Steuergelder ausbezahlt), spätestens dann werden sie wieder umkehren. Nicht länger von der jungen Generation weg sondern zurück zu ihr. Denn klar, Rentner sind eine große Wählergruppe. Aber die Zukunft sind sie nicht.

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