Warum Robbie streikt…

Dass die EMI in der Krise steckt, habe ich ja bereits einmal angerissen. Jetzt wird’s aber langsam echt wild. Denn mit Robbie Williams ist jetzt der vielleicht prominenteste EMI-Künstler in eine Art Streik getreten: Sein Album liegt komplett fertig in der Schublade und könnte dieses Jahr erscheinen bzw. sollte im September kommen, er gibt es vorerst aber nicht raus.

Damit möchte er gegen die Ankündigung des neuen EMI-Besitzers Guy Hands protestieren, als Reaktion auf die Rekordverluste – im letzten Jahr 350 Millionen Euro (264 Mio. Pfund) – Stellen zu streichen und Plattenverträge zu kündigen.

Aber wie kommt es, dass die EMI – eine der vier größten Plattenfirmen der Welt – so viel Verlust macht?

Der vielleicht wichtigste Grund ist – und das sage ich nicht als Moralapostel, sondern weil ich als Musikliebhaber diese Entwicklung zunehmend mit Sorge betrachte – dass die Leute immer weniger Geld ausgeben für die Musik, die sie hören. Allein in den USA sind die CD-Verkäufe im letzten Jahr um 20% gesunken. Und natürlich haben das die Verkäufe über iTunes oder andere Musikportale im Netz nicht ausgeglichen, Fakt ist einfach, dass viele Leute sich Songs illegal aus dem Netz ziehen. Und wenn es zu viele werden, dann führt das halt irgendwann auch dazu, dass eine Firma wie die EMI so viel Verlust macht. Vor allem weil sie sich auch noch nicht wirklich auf die neue Situation eingestellt hat und jährlich allein schon 33 Mio. Euro dafür ausgibt, nicht verkaufte CDs einzustampfen, die man unnötigerweise produziert hat.

Der zweite Grund ist aber der, weshalb die EMI dann wirklich auch so viele Mitarbeiter entlassen wird und nicht nur Künstler rausschmeißt. Der neue Besitzer findet die Verwaltung der Plattenfirma ist einfach zu groß. Auf einen Talentsucher kämen im Schnitt 19 Manager, Marketing-Leute und Juristen.

Tja und dann macht es die Sache natürlich nicht leichter wenn große Bands wie Die Ärzte, Madonna oder Radiohead gar keine Plattenverträge mehr unterschreiben sondern ihre eigene Firma gründen oder ganz andere Wege gehen um ihre Musik zu verkaufen.

85 Prozent der EMI-Künstler machten gar keinen Gewinn – also verkaufen nicht so viele CDs, dass die Kosten für Aufnahme, Videos, Promoreisen etc. gedeckt sind – und der größte Teil des Umsatzes der EMI stammt von 200 der 14.000 Künstler. Auch von Top-Verdiener Robbie Williams, der der absolute Top-Verdiener bei der EMI ist. Vor vier Jahren hat der einen Vertrag abgeschlossen, der ihm garantiert 80 Millionen bringt. 92 Millionen Euro gibt die EMI pro Jahr für Künstler aus, die dann doch nie eine CD veröffentlichen.

Nur zum Teil liegt das Dilemma also darin, dass die EMI – wie die anderen Labels – nach wie vor zu sehr auf den physischen Tonträgermarkt setzt und die neuen digitalen Möglichkeiten nur unzureichend bzw. recht unkreativ nutzt.

Das Problem ist nur – und deshalb blogge ich das Ganze hier: Auch wenn Besitzer Guy Hands Stein und Bein schwört, es wäre nicht so: Mindert der Finanzdruck der Labels nicht vor allem auch die Chancen von Newcomer-Bands? Wer bekommt künftig überhaupt noch Plattenverträge? Oder braucht man die heute eh nicht mehr?
Fragen, die mich bewegen und zu denen ich auf Meinungen gespannt bin! Hoffentlich ist das Ganze nämlich wirklich nicht nur Kostenreduktion sondern durchdachte Firmenpolitik…. Immerhin ist es ein offenes Geheimnis, dass Guy Hands bei seiner Übernahme viel zu viel Geld für den Konzern gezahlt hat: 3,2 Milliarden Pfund (4,2 Mrd. Euro).

Und das in diesen (musikwirtschaftlichen) Zeiten.

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4 Kommentare zu “Warum Robbie streikt…

  1. Letztendlich ist ein Plattenlabel -auch wenn es Emotionen verursachende Produkte vertreibt- nur eine Firma, die am Ende des Tages mehr Geld eingenommen als ausgegeben haben muss. Und da scheint es bei der EMI offensichtlich zu hapern.

    Die Gründe dafür hast du ja schon genannt. Dazu kommt z.B. auch in Deutschland noch der Sonderfall, dass sich die EMI zwei Offices leistet: Capitol in Köln, Virgin & Co. in Berlin. Das bläht die Verwaltung natürlich noch zusätzlich auf.

    Und dass schlecht verkaufende Künstler gedroppt werden, ist manchmal auch ganz reinigend. Wenn man sich das Künstlerportfolio von der EMI anschaut, ist da (rein subjektiv) ordentlich viel Schrott dabei. Auch SonyBMG hat ja z.B. die ehemaligen DSDS-Künstler aus den Verträgen entlassen. Und denen weint wohl niemand eine Träne hinterher.

    Und wieder rein subjektiv: ich erinnere mich noch an die Zeiten, als wir bei einem sympathischen Radiosender ca. 95% der bemusterten CDs direkt in die Tonne kloppen konnten, weil unglaublich viel Müll dabei war. Da müssen sich dann wohl auch die A&Rs bei der EMI an die Nase fassen und ihre Signing-Politik überdenken.

  2. Tobi, du triffst natürlich so manchen Nagel auf den Kopf. Dass ein Plattenlabel wirtschaftlich denken und handeln muss, ist ja ganz klar, und wenn Acts ihre Ausgaben nciht mehr rechtfertigen und daher den Vertrag nicht verlängert bekommen (wie z.B. Jamelia oder die All Saints in den letzten Monaten), dann ist das ja auch völlig OK. Das Problem ist nur wenn junge Newcomer aus Finanznot keine Chance mehr bekommen oder sich eben nicht über 2-3 Alben bewähren dürfen.

    Die Verbindung von VIRGIN und EMI schreitet voran aber dauert natürlich und der Müll nimmt auch schon ab, ich bekomme inzwischen SIngles zu 90% nur noch digital von Majorlabels, das sind eher die Kleinen, die da noch CDs schicken. Natürlich gefördert von konservativen und betagten Musikredakteuren, die “des moderne Zeuch do” ablehnen ;-)

    Was meinst Du denn, das A&Rs anders machen sollten?

  3. Spannendes Video, danke für den Hinweis, hatte gestern keine Gelegenheit meinen RSS-Reader zu checken. Tim Renner ist sehr charming, sagt wenig konkretes, ist aber offen und ehrlich. Und ich finde er hat durchaus Recht: die “Musikflatrate” ist sicher nicht der Weisheit letzter Schluss, im Moment aber das am ehesten der Wirklichkeit entsprende Entgelt-Konzept.

    Was mir ein wenig fehlt ist aber gerade die zukünftige Rolle von Labels. Dass Labels nämlich an sich obsolet sind, glaube ich nicht. Aus eigener Erfahrung. Denn irgendwo muss es eine Filterstelle geben, ansonsten kann künftig nahezu niemand mehr von seiner Musik leben wenn er nicht jeden Abend irgendwo ein Konzert spielen möchte…

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